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Beitrag zur Ecopop Debatte

Sehr geehrte Initiantinnen und Initianten

Ich befasse mich nun schon länger mit Ihrer Initiative und versuche immer noch zu verstehen, was genau Ihre Beweggründe sind. Dass die Initiative fremdenfeindlich ist, das steht ausser Frage. Wenn 60 bis 70 % der Wähler einer konservativen und fremdenfeindlichen Partei Ihre Initiative annehmen (würden), dann ist sie fremdenfeindlich. Punkt. Herr Thommen hat den Delegierten der Grünen vorgeworfen, sich mit der Economiesuisse ins Bett zu legen. Ich werfe ihm im Gegenzug vor, sich mit der SVP ins Bett zu legen. Solche unsachlichen Anschuldigungen sind jedoch nicht relevant und bringen niemanden weiter.
Das grundlegende Problem ihrer Initiative könnte offensichtlicher nicht sein: eine völlig einseitig kausale Verbindung von ECO und POP. Umweltschutz und Bevölkerungswachstum sind in vielerlei Hinsicht höchstgradig komplex. Eine mehr oder weniger willkürliche Kausalität zwischen diesen beiden Themen herzustellen ist sehr fragwürdig. Dass Sie auf den populistischen "Die-Ausländer-sind-an-allem-Schuld"-Zug aufspringen ist natürlich geschickt. Die Wählerstimmen aus dem rechten Lager sind Ihnen gewiss. Unser Land wird zubetoniert wegen den Ausländern. Die Züge sind voll wegen den Ausländern. Unser Klima verschlechtert sich wegen den Ausländer. Differenziert denkenden Menschen scheinen solche Aussagen äusserst bedenklich zu sein. Und hoffentlich werden diese Menschen am 30.11. die Mehrheit bilden und Ihre Initiative versenken.


Die gesamte ökologische Verantwortung an die Einwanderer abzutreten ist doch sehr egoistisch. Wir müssen unser Konsumverhalten hierzulande verändern, nicht der sogenannten Überbevölkerung im Ausland "beratend" zur Seite stehen. Entwicklungshilfe im klassischen Sinne ist so oder so überholt, da sie im historischen Verlauf kaum Wirkung erzielt hat. Entwicklungshilfeökonomen werden Ihnen dies bestätigen. Der Anstoss der Initiative, Entwicklungshilfe zu thematisieren, ist nicht falsch. Man kann und sollte die Verteilung der Entwicklungshilfegelder ansprechen. In Ihrem Fall ist es jedoch eine völlige Alibiklausel, welche die fremdenfeindliche 0.2%-Klausel kaschieren soll, in Wahrheit jedoch nichts als entlarvend ist.


Mich irritiert auch die Unterstützung Ihrer Initiative durch viele Professoren emeritae und emeriti. Viele haben die 70 überschritten und wollen nun Vorlagen unterstützen, welche sie selbst nicht mehr betreffen wird. In Wahrheit werden wir Jungen in Zukunft darunter leiden. Unterschiedliche soziologische Studien weisen auf eine zunehmende Fremdenfeindlichkeit im Alter hin. Das dürfte auch der Grund sein, warum aktive Professoren ihre Initiative nicht unterstützen.
Auch verschiedene Alt-68er teilen Ihre Meinung bezüglich Einwanderung und Umwelt. Vermutlich sind sie zu oft im Garten ihres Einfamilienhauses mit Umschwung gelegen und haben sich zu lange in der Sonne gebräunt, anstatt vernünftige Umweltpolitik zu betreiben.
Abschliessend würde ich den Initianten gerne eine (rhetorische) Frage stellen: Gehören Sie (und Ihre Kinder) zur Überbevölkerung? Wenn ja: Darf ich demnach bald an Ihrer Haustür klingeln und Ihnen bei Ihrer freiwilligen Familienplanung zur Seite stehen? Wenn nein: Wieso sind Menschen in Entwicklungsländern, welche einen sehr viel kleineren ökologischen Fussabdruck aufweisen als Sie, Teil einer Überbevölkerung und Sie nicht?


Ihr Lösungsansatz ist jedoch der Grund dafür, warum man Sie als fremdenfeindlich bezeichnet. Wieso haben sie nicht eine Initiative für eine massive Verteuerung des öffentlichen Verkehrs gemacht? Das würde die Pendlerzüge leeren. Wieso haben Sie nicht eine Initiative für eine vernünftige Raumplanung gemacht? Das würde der Zubetonierung entgegenwirken. Wieso haben Sie nicht eine Initiative gemacht, die Grosskonzerne in der Schweiz verpflichtet, in Ländern der dritten Welt ihren Mitarbeitern faire Löhne zu zahlen? Das würde die lokale Wirtschaft beleben, den Arbeitern ein sicheres Einkommen generieren, die Bildung über Steuern und ohne Entwicklungshilfe finanzieren und vielleicht könnten sie sich dann auch Kondome leisten. Wer weiss. Wieso haben Sie nicht eine Initiative gemacht, welche zum Ziel hat, die Biodiversität in der Schweiz besser zu erhalten?
Das sind differenziertere Vorschläge. Ein willkürliche, aus der Luft gegriffene Zahl in unserer Bundesverfassung verankern zu lassen, ist es nicht.
Sie sind recht schlau, mit Ihrer pseudogrünen Initiative eine Wählerschaft abzuholen, welche in den vergangenen Jahren die absurdesten Initiativen angenommen hat (Minarettinitiative). Sie ist offenbar gut zu mobilisieren.
Die echten Grünen bringen differenzierte Initiativen auf den Tisch, traurigerweise finden Sie viel weniger Gehör als Sie mit Ihrer ECOPOP-Initiative.
Dass Sie mir vorwerfen, eine einfache Schlussfolgerung zu machen, ist recht amüsant. Ich bin nicht derjenige, der in der Gegend rumläuft und erzählt, dass wir Umweltprobleme mit einem in der Verfassung festgehaltenen Maximal-Prozentsatz an Einwanderung lösen können.
Sie entlarven sich selbst. Ich hoffe, die hiesige Wohnbevölkerung merkt das bis spätestens am 30.11.


 Mit freundlichen Grüssen
XY

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