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Dem Phänomen PEGIDA auf der Spur

Salim Staubli, 05.02.2015

Seit Monaten nun schon ziehen Montag für Montag viele Tausend Menschen durch die Strassen Deutschlands. Stillschweigend halten sie ihre, auf Pappkarton gekritzelten, Botschaften in die Höhe. An wen sie genau adressiert sind weiss aber scheinbar niemand so wirklich genau, - vermutlich nicht mal sie selbst.

 

PEGIDA – Nur ein Ort für Islamhasser?

 

Die Abkürzung PEGIDA steht für “Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Beinahe könnte man meinen es handle sich um eine Bewegung welcher ausschliesslich Menschen mit braunem Gedankengut beiwohnen. Umso interessanter ist die Tatsache, dass man hier unter den Demonstranten auch scheinbar ganz normale Bürger findet, vom gut betuchten Geschäftsmann mit Anzug und Krawatte, über Familien mitsamt Kinderwagen, bis hin zum rüstigen Rentner. Fragt man diese Menschen nach ihren Beweggründen bekommt man meist keine Antwort. Schliesslich hat Schweigen hier oberste Priorität, zu häufig schon hat die sogenannte “Lügenpresse“ aus deren Sichtweise Sachverhalte ins falsche Licht gerückt. Widmet man seine Aufmerksamkeit jedoch den vielen, verschiedenen Transparenten, kommt man nach einiger Zeit zum Schluss: PEGIDA scheint ein Auffangbecken für die unzufriedenen Bürger Deutschlands zu sein. Bürger die sich von den führenden Politikern der Bundesrepublik in Sachen Finanz -und Wirtschaftspolitik verlassen fühlen, solche die im Islam eine ernsthafte Bedrohung sehen und solche die vielleicht einfach mal wieder ein wenig Dampf ablassen wollen, egal warum, Hauptsache Dampf ablassen. Es ist also fraglich ob PEGIDA wirklich der richtige Name für diese Organisation ist. Fast könnte man meinen die patriotischen Gründungsmitglieder sind sich bisweilen nicht mehr so ganz sicher, ob das nun wirklich ihr Zielpublikum ist, welches hier Montag für Montag durch die Strassen schlendert. Andererseits muss man bedenken, dass es nun jedoch genau dieser Name ist, der die sogenannten “Wutbürger“ Deutschlands unter ein und demselben Deckel vereint und ihnen den Mut gibt sich zu äussern.

 

Europa - Wo ein Miteinander möglich werden kann.

 

Doch wo nimmt PEGIDA eigentlich seinen Anfang? Gründungsort von PEGIDA ist Dresden, Hauptstadt des Freistaates Sachsen. Am 12. Januar 2015 nahmen hier sage und schreibe 25.000 Personen an der Demonstration gegen die Islamisierung des Abendlandes teil. Interessant ist, dass in Dresden offiziellen Angaben zufolge nur 4.7% Ausländer leben und davon sind lediglich 2% Muslime. In Berlin hingegen, wo gerade mal 300 PEGIDA-Anhänger auf die Strasse gingen, liegt der Ausländeranteil bei ganzen 15%. Dieses Phänomen kennen wir auch hier bei uns in der Schweiz. Initiativen wie die Masseneinwanderungsinitiative bekommen vor allem in den ländlichen, unbesiedelten, ausländerarmen Regionen des Landes grosse Zustimmung zu spüren. Und genau in solchen Gegenden findet PEGIDA den perfekten Nährboden für seine Anliegen.

 

Es ist die Angst vor dem Ungewissen die den Bürgern Deutschlands und auch der Schweiz zu schaffen macht und in dieser Angst liegt die Hauptursache für das Zustandekommen einer solch gewaltiger Ansammlungen von frustrierten Bürgern. Sie ist der Grund weshalb diese Menschen Woche für Woche auf die Strasse gehen, sich in ihre Vorurteile flüchten, sich immer mehr verbarrikadieren und versuchen die Schuld an der ungewissen Zukunft des Landes den Politikern in die Schuhe zu schieben. Zeichen die von mangelnder Aufklärung zeugen oder, wie Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, neulich bei Günther Jauch so schön sagte, auf den fehlenden Brückenbau zwischen den verschiedenen Kulturen und Religionen auf dieser Welt zurückzuführen sind.

 

Wie können wir über etwas urteilen, wenn wir es gar doch gar nicht kennen? Wie kann es sein, dass normale Bürger Islam und Islamismus zusammen in ein und dieselbe Schublade stecken?

 

Was fehlt, ist der direkte Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden, Politikern und letztendlich dem Volk, der ein aufeinander Zugehen möglich machen würde. Genau hier müssen wir ansetzten. Politiker müssen auf die Anliegen des Volkes eingehen und diese Ernst nehmen, seinen sie auch noch so willkürlich und Religionen müssen sich mit ihren Schwächen auseinandersetzten und dort ansetzten wo Extremismus seinen Ursprung findet. Es ist dringend an der Zeit, dass sowohl hier bei uns in Europa als auch andernorts ein Raum des Zuhörens, des Miteinanders und der Toleranz entsteht. Wir müssen lernen und akzeptieren, dass Hass, Krieg und Extremismus nur dann bekämpft werden können, wenn wir aufhören aneinander vorbeizuschauen und mit offenen Armen aufeinander zugehen. Es liegt in der Hand der Politiker, der Religionsführer und uns selber einen Ansatz zu finden um den Ängsten und Befürchtungen des Volkes Herr zu werden.

 

Die Menschen die bei PEGIDA mitlaufen bezeichnen sich selbst schliesslich auch als Europäer, doch zeichnet Europa nicht gerade die Mischung aus verschiedenen Kulturen, Religionen und Ethnien aus? Ich denke Europa sollte eine Vorbildfunktion übernehmen was den zwischenmenschlichen Austausch betrifft. Es ist seine Aufgabe aufzuzeigen, dass ein friedliches Nebeneinander und Miteinander möglich ist, wenn alle am selben Strick ziehen. Und wir Europäer spielen dabei das entscheidende Zünglein an der Waage. Schliesslich ist es an uns den ersten Schritt aufeinander zuzugehen, uns kennenzulernen und miteinander zu kommunizieren.

Über den Autor

Salim Staubli

Vorstandsmitglied Junge Grüne Kanton Bern
Verantwortlicher Sektion Köniz

23 Jahre jung, Radiomoderator, Student, Klimaretter, Bierliebhaber, Banause, Ökofreak, Sozi, Teilzeitmusiker, leidenschaftlicher Demonstrant, Friedensaktivist & Tierfreund

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