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Das Projekt 'Andermatt' - Fluch oder Segen?

Salim Staubli, 04.06.2014

 

Beinahe fünf Jahre ist es nun her. Der erste Spatenstich donnert das idyllische Örtchen Andermatt aus dem, nicht enden wollenden, Dornröschenschlaf. Der ägyptische Multimilliardär und Unternehmer Samih Sawiris sitzt mit gelbem Helm, Schale und Krawatte in einem kleinen Bagger, die Einwohner jubeln und allesamt sind zuversichtlicher denn je zuvor, dass diese kleine Urner Gemeinde am Fusse des Oberalppass nun auch endlich im touristischen Wirtschaftszweig der Schweiz Fuss fassen wird. Mit seiner Firma Orascom Hotels & Development beabsichtigt Sawiris in Andermatt auf einer Fläche von 1,46 Quadratkilometern ein Tourismus-Resort mit mehreren Hotels, Ferienhäusern und Ferienwohnungen, einem 18-Loch-Golfplatz, Geschäften sowie einem Sport- und Freizeitzentrum mit Eissporthalle und Hallenbad zu erstellen.Trotz Unterbrüchen, einer lästigen Zweitwohnungsinitiative und Protesten seitens Umweltschützer, schafft Sawiris in nur fünf Jahren das, was lange für Unmöglich gehalten wurde: Das sonst so altmodische, spartanisch gekleidete Andermatt blinkt und glitzert an allen Enden und Kanten. Das Luxushotel ‚Chedi’ überragt die Dorfkirche beinahe um das Doppelte, ein paar Dorfbewohner testen bereits intensiv den Golfplatz und Sawiris präsentiert den Journalisten stolz seine private Luxussuite. Ausser ein paar Grosis, die den vergangenen Tagen, als alles noch Besser war, nachtrauern, sind die Bewohner ausser sich vor Freude. Jetzt brauchten nur noch die Touristen zu kommen.

Doch die Touristen kommen nicht. Das Andermatter Grundbuch zeigt zwar, dass 94 von 110 Wohneinheiten verkauft wurden, bei genauerem Hinsehen bemerkt man jedoch, dass der Grossteil von der Investmentfirma ‚Acuro’ aufgekauft wurde. An dieser Firma sind viele Mitglieder der Familie Sawiris beteiligt. Die Firma hofft ausserdem darauf mittel – oder langfristig alle Wohnungen verkaufen zu können. Einzig der Chedikomplex scheint ein Erfolg zu sein: 90% aller Wohnungen sind verkauft. Sawiris will das Andermatter Skigebiet nun um 120 Pistenkilometer und 12 Anlagen zur sogenannten ‚Skiarena’ erweitern, und auf diese Art und Weise die bislang gähnend leeren Kassen füllen. Ein gigantisches Projekt, welches bei Umweltschützern und Beobachtern auf Unverständnis stösst. Die Öffentliche Hand hatte Sawiris’ Unternehmen ‚Andermatt Swiss Alps’ bereits 2012 Steuern von rund 100 Millionen Schweizer Franken erlassen, nun sollen weitere Millionen Steuergelder investiert werden. Doch damit nicht genug. Das Skigebiet wird nur ausgebaut, wenn sich die öffentliche Hand zu 40% beteiligt, also mit 85 Milllionen Franken! Ausserdem kommt das Geld nur wenigen Bauherren zugute.

Keine Rücksicht auf natürliche Ressourcen und den Klimawandel

480'000 Kubikmeter Wasser. Soviel würden die Schneekanonen für die flächendeckende künstliche Beschneiung der 100 Pistenkilometer pro Saison verbrauchen. Eine immense Menge welche dem Verbrauch von 2400 Vier-Personen-Haushalten entspricht und soviel Strom verbraucht wie ein Viertel der Andermatter Bevölkerung im Jahr! Kunstschnee bleibt aufgrund seiner Festigkeit deutlich länger liegen als normaler Schnee, was bedeutet, dass die Bodenvegetation stark in Mitleidenschaft gezogen wird und der Boden an Halt verliert, wodurch wiederum Erdrutsche entstehen können. Schlimmer ist jedoch die Tatsache, dass bei der Planung des Skigebiets Aspekte des Umweltschutzes und des drohenden Klimawandels nie zur Geltung kamen. Der Bau der Pisten setzt grosse landschaftliche Beeinträchtigungen voraus. Die unberührte alpine Landschaft zwischen Gütsch, Schneehüenerstock und Fellilücke kann nur mit massiven Eingriffen (Sprengungen) pistentauglich gemacht werden. Aus der Sicht von Umweltschützern ein Horrorszenario für Wildtiere, wie beispielsweise Gemsen und Schneehühnern, welche durch den Lärm und die Verunstaltung ihres Lebensraums in immer abgelegenere Gebiete weichen müssen, in welchen sie oft nicht die benötigte Nahrung finden um ihre Population aufrecht zu erhalten. Der hohe Wasserverbraucht beeinflusst ausserdem den Wasserhaushalt in der Region und führt dazu, dass die Seen im Sommer weniger Wasser führen als normal. Gerade in Zeiten des Klimawandels ist ein solcher Umgang mit Wasser unverantwortlich. 

Unrealistische Besucherzahlen

Um die hohen Kosten zu amortisieren, müsste die Zahl der Skifahrertage in zehn Jahren von 430'000 auf 800'000 steigen. Das entspricht einem Wachstum von 83 Prozent. Anders gerechnet: Pro Tag bräuchte es 10'000 Skifahrer mehr. Wo sollen diese Leute hergeholt werden? Ausserdem plant die Andermatt Swiss Alps AG in die Liga grosser Skigebiete wie St. Moritz oder Zermatt vorzustossen, was die angestrebte Besucherzahl noch unrealistischer macht. Einheimische und ‚Normalverdiener’ können sich diesen Luxus oft nicht leisten.

Fazit

Die Idee von Samih Sawiris, aus Andermatt eine Tourismusattraktion zu machen, war zu Beginn sicherlich nicht schlecht. Er bekam von allen Seiten volle Unterstützung zugesagt, brachte den Bund sogar dazu in Sachen ‚Zweitwohnungsinitiative’ ein Auge zuzudrücken und überzeuge mit seiner charmanten Art sogar scharfe Kritiker von seinem Vorhaben. Doch Sawiris investierte ausgerechnet in Luxuswohnungen, Luxushotels und Luxusappartments, -Dinge welche es in der Schweiz inzwischen wie Sand am Meer gibt. Und hätte eine wohlhabende Person die Wahl zwischen St. Moritz mit wunderschöner Seesicht auf der einen Seite und dem windigen, kalten und schattigen Andermatt auf der anderen, würde sich diese Person sicherlich nicht für Letzteres entscheiden. Das Projekt Andermatt Swiss Alps war eine komplette Fehlinvestition. Es bleibt lediglich zu hoffen, dass Sawiris sich bereiterklärt seine Hotelanlagen, Appartments und Häuser künftig auch weniger Wohlhabenden Personen zu offerieren, ansonsten wird Andermatt aus meiner Sicht das bleiben, was es auch schon die letzten 200 Jahre war: Ein etwas ödes, aber idyllisches Bergdorf mit 1320 Einwohnern und ebenso vielen Kühen.


Quellen und weitere Infos:

http://gigantismus-andermatt.ch/

www.skiarena.ch/

Über den Autor

Salim Staubli

Vorstandsmitglied Junge Grüne Kanton Bern
Verantwortlicher Sektion Köniz

23 Jahre jung, Radiomoderator, Student, Klimaretter, Bierliebhaber, Banause, Ökofreak, Sozi, Teilzeitmusiker, leidenschaftlicher Demonstrant, Friedensaktivist & Tierfreund

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