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Ändern wir das, was ist

Julia Küng, 30.04.2020

Erster Mai, Tag der Arbeit, Internationaler Kampftag der Arbeiter*innenklasse – dieses Jahr ohne Demonstrationen, ohne Feiern und ohne nebeneinander die Fäuste zu erheben und Arbeiter*innenlieder zu singen. Aber nicht ohne laut zu werden, denn unser Kampf für Solidarität ist fundamental, jetzt erst recht.


Die Pandemie verdeutlicht alle Ungerechtigkeiten des Kapitalismus noch stärker. Sie zeigt, dass für die Gesellschaft fundamentale Arbeit wie Pflege unterbezahlt und zu schlechtesten Bedingungen passiert, während Banken und Konzerne sogar in der Krise immer weiter profitieren. Sie zeigt, dass wir bereit sind millionenschwere Rückhohlprogramme für «Landsleute» zu tragen, aber nicht 40'000 Flüchtende von ihren unmenschlichen Leiden zu befreien. Wir müssen und dürfen dem nicht tatenlos zusehen. Auch wenn wir uns nicht versammeln können, bleiben wir nicht machtlos. «Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.», sagte Rosa Luxemburg und das ist, was wir heute tun sollen. Es liegt an uns, die Missstände unsers ausbeuterischen Systems anzuprangern und somit den ersten Schritt in Richtung Veränderung zu tun. Also, sagen wir «was ist».

Es ist, dass wir für die Pflegenden selbst in der Krise nur Applaus übrig haben. Die Menschen in unserem zu Grunde gespartem Pflegesystem sind miserabel bezahlt, müssen lange Arbeitszeiten leisten und sind nicht genug geschützt.  Es ist, dass Menschen um ihr Einkommen und ihre Stelle bangen müssen, während Banken und Konzerne von Staatsgeldern profitieren. Von einem bedingungslosen Grundeinkommen will man aber nichts wissen. Lieber will man mit Krediten der Wirtschaft helfen, damit auch dieses Jahr die Dividenden nicht ausfallen. Wo kämen wir da denn hin? Sans-Papiers, Menschen ohne gesicherte Arbeitsverhältnisse und Obdachlose werden allein gelassen, sollen sie doch für sich selber sorgen. Es ist, dass gerade alle Menschen im Home-Office erhöhtem Leistungsdruck ausgesetzt sind und sich physisch und psychisch noch schwerer vor der Ausbeutung schützen können. Freizeit, Arbeit und Kinderbetreuung verschwimmen, wenn alles am selben Ort geschieht. Es ist, dass die meisten Menschen vom Kapitalismus ausgebeutet werden und eine kleine Minderheit rigoros profitiert.  Es ist nicht die Pandemie, die wir verteufeln sollen, sondern wie wir mit ihr umgehen: Entscheiden wir uns, den Arbeitenden in «systemrelevanten» Berufen, im Home-Office oder momentan ohne Stelle mit Mieterlassen, einem bedingungslosen Grundeinkommen und einem kostenlosen Gesundheitssystem zu helfen. Oder entscheiden wir uns, die Banken und Konzerne zu retten, weil diese angeblich «das System» stützen. Kein Kredit für Grossunternehmen und keine Aktie auf der Welt rettet Menschenleben und sorgt für ein Zuhause und Nahrung für alle. Im Gegenteil: Wir die Arbeitenden sind es, die das System wirklich stützen und deswegen haben wir auch die Macht es zu verändern.

Das ist los und das müssen wir sagen, immer wieder. Wir müssen einander zuhören und diskutieren. Und uns dann zusammenschliessen und gemeinsam aufstehen, damit das «was ist» dem «was soll» weichen kann. Nämlich einer demokratischen Welt, in der alle gleich viel haben. In der nicht Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert werden und in der die Unternehmen den Arbeitenden gehören. Kämpfen wir für eine Welt, in der nicht Flugbranchen und Banken, sondern Menschen und Umwelt gerettet werden. Am 1. Mai und an allen anderen Tagen für mehr Solidarität, für ein Leben in Freiheit und Gleichheit von uns allen. ¡Venceremos!


Aufruf zum 1. Mai von Julia Küng, Co-Präsidentin der Jungen Grünen Schweiz

Über die Autorin

Julia Küng

Co-Präsidentin Junge Grüne Schweiz

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