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Die älteste Lüge der Welt

Jona Studhalter, 22.02.2017

Egal ob in einer Fernsehdoku, einer Politdiskussion oder einer Zeitungsreportage, wenn es um Prostitution geht, so fällt sicher einmal die Metapher „das älteste Gewerbe der Welt“. Metaphern sind rhetorische Stilmittel zur Veranschaulichung eines Sachverhaltes. Doch wohin führt diese Metapher?  In eine komplett falsche Richtung.

Wir stellen uns also das älteste Gewerbe zu Beginn des Menschen vor: Felsenhöhle, Lagerfeuer, draussen tobt ein Schneesturm, drinnen nagen drei Höhlenbewohner noch an einem Rentierschenkel und zwischen den Bärenfellen prostituiert sich die Tochter aus der benachbarten Höhle mit dem hiesigen Stammesführer. Als Dank bekommt sie 20 Brombeeren, den anderen Rentierschenkel und einen Lachs. Es kommt schon fast romantische Stimmung auf.

Doch mit dieser Vorstellung hat die heutige Prostitution nichts zu tun - ich rede hier nicht von den 2 % der Prostituierten, die sich aus freiem Willen dafür entscheiden ihren Körper zu verkaufen. Ich rede hier von den 98% die wegen finanzieller Not, familiärem Druck, falschen Versprechungen in die mit krimineller Energie vollgepumpten Hände zwielichtiger Gestalten geraten. Und genau diese Seite zeigt die Metapher „das älteste Gewerbe der Welt“ nicht.

Der Mensch neigt dazu, Verhalten mit der Zeit zu legitimieren: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ Man nimmt Sachen so wie sie sind, weil sie eben schon immer so sind. Und so schlimm kann doch die Prostitution ja nicht sein, wenn man es ja schon seit je her macht, könnte man denken. Doch niemand redet vom „ältesten Geschäft des Menschen“ wenn es um den Syrienkonflikt geht. Das Kriegsgeschäft hat uns sicher so lange begleitet wie die Prostitution. Waffenhandel, Solddienst, Plünderungen waren genug oft für viele Völker die Haupteinnahmequelle. Trotzdem spricht man hier direkt vom Krieg und nicht von irgendeinem „Geschäft“.

Doch warum ist das bei der Prostitution nicht so? Sicher, Redewendungen abzugewöhnen passiert nicht von heute auf morgen, doch bei dieser Metapher hat man noch gar nicht angefangen, es sich abzugewöhnen. Weil man in einer patriarchalen Gesellschaft es wohl nicht wahrhaben will, dass 20 Jährige Frauen nicht auf Sex mit frustrierten 50 Jahre alten Männer stehen. Niemand redet mehr vom Neger, weil man das mit  Sklaverei, körperlichen Missbrauch und Rassismus verbindet. Doch dass auch dies bei der Prostitution der Fall ist, blenden wir gekonnt aus.

Dass die Metapher natürlich auch historisch kompletter Schwachsinn ist, erwähne ich hier nur am Rande: Der ersten Menschen waren Jäger und Sammler, keine Prostituierten.

„Das älteste Gewerbe der Welt“ ist nichts anderes als eine Lüge mit unbeabsichtigten Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft. Wir sollten also aufhören, solche Begriffe unbewusst zu verharmlosen. 

Über den Autor

Jona Studhalter

Co-Präsident Junge Grüne Kanton Luzern
Vorstand Junge Grüne Kanton Luzern

Jona Studhalter, geb 1995, gelernter Koch. Seit Herbst 2011 ist er aktiv um die Jungen Grünen frecher, kreativer und spannender zu machen. In der schweizer Umwelt- und Sozialpolitik gibt es noch viel zu verbessern.

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