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Truthähne, Super-GAUs und schwarze Schwäne

Esther Meier, 07.11.2016

Bevor die Europäer Australien "entdeckt" hatten, glaubten sie, dass alle Schwäne weiss sind. Nach einem Zitat des antiken Dichters Juvenal wurden deshalb unmögliche oder nichtreale Dinge als "schwarze Schwäne" bezeichnet. Erst Ende des 17. Jahrhunderts wurden in Westaustralien schwarze Exemplare des Wasservogels gesichtet. Die Europäer hatten folglich die Unkenntnis von schwarzen Schwänen mit der Inexistenz derselben verwechselt.

 

Als sich 1986 im AKW Tschernobyl der schwerste Atomunfall in der Geschichte der zivilen Atomkraftnutzung ereignete, wurde die bisherige Messgrösse für atomare Unfälle obsolet. Das Ausmass des Reaktorunfalls in Tschernobyl lag jenseits dessen, was Risikoexperten mit dem Begriff des GAUs (Grösster Anzunehmender Unfall) fassen konnten. Medial wurde Tschernobyl deshalb als Super-GAU gehandelt, während später mit der INES-Skala ein neues System zur Klassierung von atomaren Unfällen kreiert werden musste. Tschernobyl hatte die bisherige Messgrösse für atomare Unfälle gesprengt, das Undenkbare war eingetreten. Trotz Tschernobyl kam auch die dreifache Kernschmelze im japanischen AKW Fukushima Daiichi, als (böse) Überraschung. Niemand (jedenfalls nicht die verantwortlichen Personen) hätte Anfangs 2011 damit gerechnet, dass es in Fukushima zu einem atomaren Unfall in der Grössenordnung von Tschernobyl kommen wird.

 

Ein allzu optimistischer Truthahn

"Grosse, unvorhersehbare, irreguläre Ereignisse mit massiven Folgen – unvorhersehbar von einem bestimmten Beobachter"[1] bezeichnet der Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb als "Schwarze Schwäne". Zur  Veranschaulichung erzählt er die Geschichte eines amerikanischen Truthahns, der seit August von seiner Besitzerin gepflegt, gefüttert und in seinem Käfig vor gefrässigen Wildtieren geschützt wird. Die Zeit vergeht und am 23. November scheint es dem Truthahn an der Zeit, seine aktuelle Lebenssituation zu analysieren. Als Indikator dafür bestimmt er seine tägliche Futterration, über die er seit dem Sommer akribisch Buch geführt hat. Die täglichen Werte überträgt er also in ein Kurven-Diagramm und es zeigt sich, dass die Futterrationen in den vergangenen Wochen konstant gestiegen sind. Der Truthahn – ganz Volkswirtschaftler – ist sich sicher: "Es geht bergauf." Optimistisch in die Zukunft blickend, schläft er abends ein. Doch am nächsten Tag, wird der Optimismus des Truthahns bitter enttäuscht. An diesem Morgen des 24. Novembers kommt die Besitzerin nicht wie üblich mit dem Futter, sondern mit der Axt. Es ist Thanks-Giving und der Truthahn wurde all die Wochen einzig zum Zweck gemästet, um an diesem Tag als Festmahl auf dem Tisch zu landen. Vielleicht werden Sie - die wahrscheinlich mit den amerikanischen Bräuchen einigermassen vertraut sind - jetzt über die Naivität des Truthahns lachen.

 

Auch wir sind Truthähne

Aber dem Truthahn ist kein Vorwurf zu machen, ausser, dass sein Untersuchungszeitraum zu kurz angesetzt war. Hätte er die Daten bis und mit 24. November analysiert, wären seine Zukunftsprognosen wohl um einiges pessimistischer ausgefallen. Aber natürlich fällt es uns leichter, rückblickend Dinge zu erklären, als aus gegenwärtigen Ereignissen Zukünftiges abzuleiten. Kaum einE Schweizer StimmbürgerIn würde sich nicht darüber empören, dass die sowjetischen Atombehörden Mitte der 1980er-Jahre Warnungen des KGBs (!) über gravierende Sicherheitsmängel im AKW Tschernobyl in den Wind schlugen. Gleichzeitig sind bei der ersten Umfrage 43% derselben StimmbürgerInnen gegen die Atomausstiegsinitiative; obschon die Schweizer AKWs bereits länger laufen, als geplant und immer wieder vor neuen Sicherheitsmängeln gewarnt wird.

 

Wenn menschliche Truthähne rechnen

Natürlich machen Truthähne (soweit wir wissen) keine Diagramme und selbst wenn,würden wir nicht dazu tendieren, Zukunftsprognosen von Truthähnen zu glauben. Doch genau gleich wie der Truthahn, argumentiert auch die Atomlobby, wenn sie sagt, dass sich europaweit in den letzten 50 Jahren nur ein GAU (Tschernobyl, 1986) ereignet habe und AKWs deshalb sicher seien. Rechnen wir nach: Weltweit sind 441 Atomreaktoren in Betrieb (Stand Ende 2015). Um die Wahrscheinlichkeit eines GAUs zu berechnen, addieren die WissenschaftlerInnen die Lauftzeiten sämtlicher, je betriebener Kernreaktoren und teilen die Summe (14'500 Jahre) durch die vier bisher eingetretenen, vollständigen Kernschmelzen.[2] Bei insgesamt 441 Reaktoren ist somit circa alle 10 Jahre mit einem "katastrophalen Unfall" (schwerwiegendster Unfall gemäss INES-Skala) zu rechnen. Ohne Fukushima würde die Wahrscheinlichkeit eines GAUs bei 32 Jahren liegen. Die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren GAU hat sich also seit Fukushima ver-x-facht. Während gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit eines weiteren GAUs Anfang 2011 noch viel geringer war, und theoretisch vor dem ersten GAU nicht existierte, bzw. nur theoretisch existierte.

 

 

Schwarzer Schwan trifft AKW

Auch die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Todes war für den Truthahn am 23. November noch nicht existent, weil - innerhalb seines Systems - nicht messbar. Am 24. November war der Truthahn trotzdem tot. Auch Fukushima war so konstruiert worden, dass es dem schlimmsten Erdbeben, das sich je in dieser Region ereignet hatte, standhalten könne. Tatsächlich hatten die Reaktoren von Fukushima Daiichi das Erdbeben unversehrt überstanden - die Notfallsysteme funktionierten. Nur hatte niemand damit gerechnet, dass das AKW nach dem Erdbeben auch noch einem Tsunami standhalten müsste. Ihr Sicherheitsmassstab richtete sich nach der schlimmsten, bekannten Umweltkatastrophe, "zogen [aber] nicht in Betracht, dass das schlimmste Ereignis in der Vergangenheit natürlich seinerseits eine Überraschung gewesen war, da es so etwas vor ihm nie gegeben hatte."[3] Denn ähnlich wie beim GAU, ist der "Worst Case" nie im eigentlichen Sinne der "schlimmste (Schadens-)Fall", sondern der "schlimmste vorstellbare (Schadens-)Fall".

 

Gegen das Restrisiko hilft nur der Ausstieg

Die Frage muss also nicht lauten "Wie wahrscheinlich ist ein GAU?" - denn in dieser Wahrscheinlichkeitsrechnung kann das Eintreten von (zukünftigen) Schwarzen Schwänen, die sich gerade dadurch definieren, dass man ihr Eintreten nicht vorhersehbar ist, nicht vorhergesehen werden. Wenn wir an zukünftige Risiken denken, denken wir eigentlich an vergangene, die wir in die Zukunft projizieren. Das Restrisiko verbirgt sich also vor allem in dem, was wir uns nicht vorstellen können. Wobei wir uns natürlich nicht vorstellen können, was wir uns nicht vorstellen können. Weshalb als einziger Ausweg die Strategie bleibt, auf weniger riskante Systeme zur Energiegewinnung umzusteigen. Systeme, die zwar ebenso ausfallen oder zerstört werden können, die im Schadensfall jedoch keinen Rattenschwanz an unkontrollierbaren Gefährdungslagen mit sich ziehen, wie das bei der Atomkraft der Fall ist.

 

Darum: Sei kein Truthahn. Stimm am 27. Januar JA zur Atomausstiegsinitiative!

 

Quellen

Taleb, Nassim Nicholas. Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen, München 2013.

Taleb, Nassim Nicholas. Der Schwarze Schwan, München 2012.

Radkau, Joachim. Der "Grösste Anzunehmende Unfall", in: Uekötter, Frank. Ökologische Erinnerungsorte, Göttungen 2014: 50-60.

 


[1] Taleb 2013: 25.

[2] Eine in Tschernobyl, drei in Fukushima, vgl. https://www.mpg.de/forschung/kernenergie-nuklearer-gau, 30.10.2016.

[3] Taleb 2013: 77.

Über die Autorin

Esther Meier

Vorstand Junge Grüne SG
Vorstand Junge Grüne Schweiz

Ich möchte die Zukunft der Schweiz mitgestalten. Gerade bei so wichtigen und wegweisenden Entscheidungen wie die der Energieversorgung sollten die Jungen ihre Meinung einbringen können.

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